“Gewaltfreie Erziehung” und die Selbstbefreiung des Menschen:
“Gewaltfreie Erziehung” ist beispielsweise eine der großen Befreiungen aus Gewaltstrukturen die der (unreflektieren) Sitte und dem Brauchtum entwachsen. Einen wahrlich wahrlich großen, wenn auch bisher in seiner gigantischen Dimensionalität noch gar nicht richtig eingeschätzten Beitrag zur gewaltfreien Erziehung, hat sicherlich Astrid Lindgren mit ihren vielen Kinderbüchern geleistet. Wer von unser Generation ist denn noch ohne “Pippi Langstrumpf” groß geworden? Das war doch echt “stark”, was man da als Kind zu hören, sehen oder zu lesen bekam! Da durften sich endlich die kindlichen “Machtphantasien” austoben (im vgl. dazu ist Harry Potters “magische Macht” anders einzuordnen und von daher auch von anderer Qualität und Aussage):
Aber auch all die anderen Geschichten haben in Kindern der letzten Generationen viele wichtige Eindrücke hinterlassen, egal ob jetzt als Buch oder Film: “Wir Kinder von Bullerbü”, “Madita”, “Ferien auf Saltkrokan”,“Michel aus Lönneberga”, “Ronja Räubertochter”, ... um wenigstens ein paar genannt zu haben. Dieser heilen Phantasiewelt, die da den Kindern im (Gedanken-)Spiel eröffnet wird, liegt etwas unglaublich Befreiendes und auch Tröstliches zugleich, aber vor allem eine tiefgreifende Geborgenheit zu Grunde. Die Botschaft kommt bei den kleinen wie großen Menschen an: “Du bist gewollt!”, “Schön, dass du da bist!”, “Alles wird gut!”, “Habe keine Angst!”, “Sei mutig!”, “Sei stark!”, ”Du bist nicht allein!”, .. “Glaube an das Gute im Menschen!”, ..., “Familie tut einfach nur gut!”, ..., “Miteinander etwas unternehmen macht Spaß!”, “Wirkliches Zusammensein erzeugt tiefe tiefe Freude!”, ... Aber insbesondere ist es wohl Lindgrens Figur der “Pippi Langstrumpf” gewesen, die ein neues Paradigma in der Sichtweise von Kindheit eingeläutet hat - besonderes auch der von Mädchen:
Auch ein Jesus von Nazareth hätte da wohl seine wahre Freude an diesen Geschichten gefunden. Sein Wort: “Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen. Wer so klein sein kann wie dieses Kind, der ist im Himmelreich der Größte.” (Mt 17,3-4), bekommt gerade im Kontext von Astrid Lindgrens phantastischer Kinderwelt, seinen wahren Sitz im Leben - und zwar in der Welt der kleinen wie auch der großen Menschen von heute. An anderer Stellte meint Jesus: “Die Könige herrschen über ihre Völker, und die Mächtigen lassen sich Wohltäter nennen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste, und der Führende soll werden wie der Dienende.” (Lk 22,25-26). Diese Aussagen Jesu von “Kindern” und “Mächtigen” sollten wir im Zusammenhang sehen lernen. Die kurze Anmerkung der berühmten Kinderbuchschriftstellerin gegen Ende des Beitrags, über die Entsprechung der “Machtphantasien” von Kindern und der “Sexualphantasien” von Erwachsenen könnte uns auch im tieferen Verstehen von Jesu Worten weiterbringen. “Sexualtrieb” und “Machtwille” haben seit jeher sehr viel miteinander zu tun. Dieser psychische Zusammenhang muss noch genauer in den Blick genommen werden, damit in Zukunft “zerstörerische Eigendynamiken” (vgl. “Todsünden”), die ja menschliches Vermögen durchaus entfalten kann und ja auch seit jeher entfaltet hat, immer weniger zum Zuge kommen - also in gewisser Weise eine Wurzelbehandlung in Bezug auf die “Ursachen von Gewalt” betrieben wird. In gewisser Weise wollte Jesus seinen erwachsenen Zeitgenossen auch nur das Eine klarmachen, dass sie eben den Blick auf das Kind ändern müssen. Der Mensch als Kind ist nämlich genauso zu achten und zu respektieren, wie der Mensch als Erwachsener zu achten und zu respektieren ist. Das geht aber nur, wenn man die Hierarchie zwischen Erwachsenen und Kindern verkleinert ohne seine Verantwortung als Erwachsener dabei aus den Blick zu verlieren. Nur wenn wir uns als Erwachsene dazu “herablassen”, also “Klein-werden”, zu verstehen, aus welcher Perspektive ein Kind beispielsweise etwas sieht und versteht, dann fangen wir auch an zu lernen wie wir miteinander gut leben können und zwar unabhängig davon, ob jetzt der eine stark oder schwach ist - also gleichberechtigter miteinander zu leben. Nur so können wir nämlich als Erwachsene unseren Kindern gute Vorbilder hinsichtlich von “Achten und Respektieren” werden. Die Spiegelneuronenforschung (social brain) wird gerade in dieser Hinsicht, was “Gleichberechtigung” und “Empathie” miteinander zu tun haben, uns in naher Zukunft noch vieles bewusster machen können.
Aber um was geht es letzten Endes einem Jesus von Nazareth vor 2000 Jahren wie auch einer Astrid Lindgren vor ein paar Jahrzehnten? Machen wir uns doch nichts vor! Die Geschichten von Jesus, die wir unseren Kindern erzählen, sind das eine. Die Geschichten von Astrid Lindgren sind das andere. Beide gehören für uns Menschen von heute, wie ich schon weiter oben versucht habe anzudeuten, irgendwie zusammen. Die Geschichten Jesu wie auch die von Lindgren, erzählen uns nämlich von einer wahrlich großen Hoffnung, von der Hoffnung auf “wahren Frieden”. Was meine ich jetzt damit? Lassen wir doch die Autorin in ihrer berühmten Rede zum Friedenspreis des deutschen Buchhandels (1978) selbst zu Wort kommen: “... Über den Frieden sprechen heißt ja über etwas sprechen, das es nicht gibt. Wahren Frieden gibt es nicht auf unserer Erde und hat es auch nie gegeben, es sei denn als Ziel, das wir offenbar nicht zu erreichen vermögen. Solange der Mensch auf dieser Erde lebt, hat er sich der Gewalt und dem Krieg verschrieben, und der uns vergönnte, zerbrechliche Friede ist ständig bedroht. Gerade heute lebt die ganze Welt in der Furcht vor einem neuen Krieg, der uns alle vernichten wird. Angesichts dieser Bedrohung setzen sich mehr Menschen denn je zuvor für Frieden und Abrüstung ein - das ist wahr, das könnte eine Hoffnung sein. ... Doch Hoffnung hegen fällt so schwer. ... Müssen wir uns nach diesen Jahrtausenden ständiger Kriege nicht fragen, ob der Mensch nicht vielleicht schon in seiner Anlage fehlerhaft ist? Und sind wir unserer Aggressionen wegen zum Untergang verurteilt? Wir alle wollen ja den Frieden. Gibt es denn da keine Möglichkeit, uns zu ändern, ehe es zu spät ist? Könnten wir es nicht vielleicht lernen, auf Gewalt zu verzichten? Könnten wir nicht versuchen, eine ganz neue Art Mensch zu werden? Wie aber sollte das geschehen, und wo sollte man anfangen? Ich glaube, wir müssen von Grund auf beginnen. Bei den Kindern.” Ja, bei den Kindern von Grund auf beginnen, das will uns auch Jesus mit seinem Wort sagen: “Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder”! D.h. dann für den erwachsenen Menschen, der gelernt hat Verantwortung zu tragen: “Versuche heil zu werden!”, “Gebe Deiner Liebe Raum!”, “Stehe zu Deiner Hoffnung auf Frieden!”,“Lass Dich in Deinem Mühen um Frieden nicht entmutigen!”, ... “Bewahre in Dir die unstillbare Sehnsucht nach Frieden!”, ...”Bau mit, an einer gerechteren, an einer friedvolleren, an einer menschlicheren Welt!” - tue es um deiner Selbst willen, tue es aber vor allem um der Kinder willen!
So gibt uns Astrid Lindgren dann an anderer Stelle einen wahrlich tiefen Einblick, warum dieses friedvolle Bemühen des Kinder(mit)erziehenden so überaus wichtig ist: “Die Intelligenz, die Gaben des Verstandes mögen zum größten Teil angeboren sein, aber in keinem neugeborenen Kind schlummert ein Samenkorn, aus dem zwangsläufig Gutes oder Böses sprießt. Ob ein Kind zu einem warmherzigen, offenen und vertrauensvollen Menschen mit Sinn für das Gemeinwohl heranwächst oder aber zu einem gefühlskalten, destruktiven, egoistischen Menschen, das entscheiden die, denen das Kind in dieser Welt anvertraut ist, je nachdem, ob sie ihm zeigen, was Liebe ist, oder aber dies nicht tun. ‘Überall lernt man nur von dem, den man liebt’, hat Goethe einmal gesagt, und dann muss es wohl wahr sein. Ein Kind, das von seinen Eltern liebevoll behandelt wird und das seine Eltern liebt, gewinnt dadurch ein liebevolles Verhältnis zu seiner Umwelt und bewahrt diese Grundeinstellung sein Leben lang. Und das ist auch dann gut, wenn das Kind später nicht zu denen gehört, die das Schicksal der Welt lenken. Sollte das Kind aber wider Erwarten eines Tages doch zu diesen Mächtigen gehören, dann ist es für uns alle ein Glück, wenn seine Grundhaltung durch Liebe geprägt worden ist und nicht durch Gewalt. Auch künftige Staatsmänner und Politiker werden zu Charakteren geformt, noch bevor sie das fünfte Lebensjahr erreicht haben - das ist erschreckend, aber es ist wahr.” ... und der Leser denke jetzt beispielsweise mal kurz an die letzten acht Jahre Regierungszeit des amerikanischen Präsidenten George W. Bush und man wird unmittelbar die ganze Tragweite dieses visionären Wortes, das hier die berühmte Kinderbuchautorin gesprochen hat, erkennen.
... Was unter “gewaltfreier Erziehung” konkreter zu verstehen ist und was Jesu Wort vom “Wie-die-Kinder-werden” im tiefsten Verständnis wirklich meint, das verdeutlichen ohne Beispiel die folgenden abschließenden Worte aus Astrid Lindgrens Rede: “Freie und un-autoritäre Erziehung bedeutet nicht, dass man die Kinder sich selber überlässt, dass sie tun und lassen dürfen, was sie wollen. Es bedeutet nicht, dass sie ohne Normen aufwachsen sollen, was sie selber übrigens gar nicht wünschen. Verhaltensnormen brauchen wir alle, Kinder und Erwachsene, und durch das Beispiel ihrer Eltern lernen die Kinder mehr als durch irgendwelche anderen Methoden. Ganz gewiss sollen Kinder Achtung vor ihren Eltern haben, aber ganz gewiss sollen auch Eltern Achtung vor ihren Kindern haben, und niemals dürfen sie ihre natürliche Überlegenheit missbrauchen. Liebevolle Achtung voreinander, das möchte man allen Eltern und allen Kindern wünschen.
Jenen aber, die jetzt so vernehmlich nach härterer Zucht und strafferen Zügeln rufen, möchte ich das erzählen, was mir einmal eine alte Dame berichtet hat. Sie war eine junge Mutter zu der Zeit, als man noch an diesen Bibelspruch glaubte, dieses: ‘Wer die Rute schont, verdirbt den Knaben’. Im Grunde ihres Herzens glaubte sie wohl gar nicht daran, aber eines Tages hatte ihr kleiner Sohn etwas getan, wofür er ihrer Meinung nach eine Tracht Prügel verdient hatte, die erste in seinem Leben. Sie trug ihm auf, in den Garten zu gehen und selber nach einem Stock zu suchen, den er ihr dann bringen sollte. Der kleine Junge ging und blieb lange fort. Schließlich kam er weinend zurück und sagte: ‘Ich habe keinen Stock finden können, aber hier hast du einen Stein, den kannst du ja nach mir werfen.’ Da aber fing auch die Mutter an zu weinen, denn plötzlich sah sie alles mit den Augen des Kindes. Das Kind musste gedacht haben, ‘Meine Mutter will mir wirklich weh tun, und das kann sie ja auch mit einem Stein.’ Sie nahm ihren kleinen Sohn in die Arme, und beide weinten eine Weile gemeinsam. Dann legte sie den Stein auf ein Bord in der Küche, und dort blieb er liegen als ständige Mahnung an das Versprechen, das sie sich in dieser Stunde selber gegeben hatte: ‘NIEMALS GEWALT!’
Ja, aber wenn wir unsere Kinder nun ohne Gewalt und ohne irgendwelche straffen Zügel erziehen, entsteht dadurch schon ein neues Menschengeschlecht, das in ewigem Frieden lebt? Etwas so Einfältiges kann sich wohl nur ein Kinderbuchautor erhoffen! Ich weiß, dass es eine Utopie ist. Und ganz gewiss gibt es in unserer armen, kranken Welt noch sehr viel anderes, das gleichfalls geändert werden muss, soll es Frieden geben. Aber in dieser unserer Gegenwart gibt es - selbst ohne Krieg - so unfassbar viel Grausamkeit, Gewalt und Unterdrückung auf Erden, und das bleibt den Kindern keineswegs verborgen. Sie sehen und hören und lesen es täglich, und schließlich glauben sie gar, Gewalt sei ein natürlicher Zustand. Müssen wir ihnen dann nicht wenigstens daheim durch unser Beispiel zeigen, dass es eine andere Art zu leben gibt? Vielleicht wäre es gut, wenn wir alle einen kleinen Stein auf das Küchenbord legten als Mahnung für uns und für die Kinder:
NIEMALS GEWALT!
Es könnte trotz allem mit der Zeit ein winziger Beitrag sein zum Frieden in der Welt.”
Soweit die berühmte Kinderbuchautoin Astrid Lindgren zum Thema: “Gewalt und Erziehung”. Meiner Einschätzung nach ist dies aber nicht nur ein “winziger Beitrag”, sondern zum Frieden in der Welt der Beitrag schlechthin. Hier wird auch der Brückenschlag zum Leben und zur Botschaft eines Jesus von Nazareth möglich. “Gewaltfreie Erziehung” ist Beitrag zum Frieden, der schon allein durch bloßes “Unterlassen von Gewalt” zu leisten ist (Mt 5,39-48) - und jede Mutter und jeder Vater, jeder Erzieher, Lehrer, ... wird wissen welch’ eine alltägliche Herausforderung das ist. Ganzheitliche Pädagogik, die verantwortungsvoll Gewaltlosigkeit ausbildet, wäre meiner Vorstellung demnach dann diejenige, die konsequent folgende vier Bildungsstufen durch liebevolle Erziehung umzusetzen vermag:
Bitte Leserichtung des Quaternio beachten: GRÜN-BLAU-GELB-ROT!
WILLENS- BILDUNG
GEWISSENS- BILDUNG
CHARAKTER- BILDUNG
KÖRPER- BILDUNG
Das Motto einer ganzheitlichen Pädagogik, die zur Alleinverantwortlichkeit in Freiheit erzieht, würde lauten: Bildung braucht Erziehung!
Mein weiterführender Gedanke zu diesem Themenkomplex ist nun, dass gerade ein ganzheitlicheres Verständnis des Menschen von unnötigen Ängsten, inneren Widerständen und Unsicherheiten befreit und uns so letztendlich damit auch zunehmend von unmenschlicher und willkürlicher Gewalt zu befreien vermag. Es muss uns immer ein zentrales Anliegen sein und bleiben, die Ursachen von Gewalt zu erkennen und mit allen Möglichkeiten und Mitteln zu bekämpfen. Ein verinnerlichtes allgemeingültiges Menschenbild, das der Würde des Menschen entspricht, ist ebenfalls ein sehr wichtiger Beitrag zum Erkennen und Bekämpfen der Ursachen von Gewalt. Sich selbst und den anderen besser zu verstehen, gibt uns in der konkreten Entscheidungssituation Handlungssicherheit und ist für den Einzelnen eine wichtige Orientierungshilfe bei seiner Suche nach verantwortbaren Lösungen - nach menschenwürdigen Lösungen, die den Prozess vom “Gerechten Frieden” fördern.